Vorschau auf die neue DIN 1986-100: Was der aktuelle Entwurf für 2026 ankündigt

Die „Bibel der Entwässerungstechnik“ steht vor ihrer Novellierung. Der aktuelle Norm-Entwurf (E DIN 1986-100, Ausgabe 05/2025) gibt bereits einen klaren Ausblick darauf, was TGA-Fachplaner und Systemplaner ab voraussichtlich Q1 2026 erwartet. Wir fassen die geplanten Änderungen zusammen.

Die DIN 1986-100 „Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke“ ist das zentrale Regelwerk für die entwässerungstechnische Planung in Deutschland. Angesichts zunehmender Starkregenereignisse und baulicher Verdichtung wurde eine Anpassung der Norm unumgänglich. Der aktuelle Stand der Novellierung (2025) schärft viele Definitionen nach und schließt Lücken, die in der Praxis oft zu Unsicherheiten führten. Auch wenn die finale Ausgabe erst für 2026 erwartet wird, sind die Änderungen im aktuellen Entwurf wegweisend.

Hier sind die vier zentralen Punkte aus dem Entwurf, die Sie jetzt schon auf dem Radar haben sollten:

1. Präzisierung: Die neue Definition der Rückstauebene

Bisher wurde in der Praxis häufig vereinfacht angenommen: Rückstauebene (RSE) = Geländeoberkante am Anschlusspunkt. Der Norm-Entwurf macht deutlich, dass dies hydraulisch oft zu kurz greift, besonders bei komplexen Geländeverläufen.

Die Novellierung sieht eine hydraulisch exaktere Definition vor:

Rückstauebene = Höhe des wirksamen Entspannungspunktes + Überstauhöhe

  • Entspannungspunkt: In der Regel der Deckel des nächsten Schachtes, aus dem Wasser austreten kann.
  • Überstauhöhe: Ein hydraulischer Zuschlag, der berücksichtigt, dass Wasser bei Überlastung eine gewisse Höhe über dem Schachtdeckel erreichen kann, bevor es effektiv abfließt.

Bedeutung für die Planung:

Gerade bei Gebäuden in Hanglage oder wenn der Kanaldeckel auf der Straße höher liegt als das Grundstück, muss die RSE künftig noch sorgfältiger individuell ermittelt werden.

Querschnittszeichnung durch Straße und Gebäude. Zeigt den Straßenkanal und einen Schacht. Über dem Schachtdeckel ist eine Linie eingezeichnet, die höher liegt als der Deckel selbst. Diese Linie ist beschriftet mit „Rückstauebene“. Der Abstand zwischen Deckel und Linie ist die „Überstauhöhe“.

2. Hebeanlagen: Die Rückstauschleife wird sicherer

Ein kritischer Punkt bei Abwasserhebeanlagen ist der sogenannte Saugheber-Effekt. Wenn eine Druckleitung vollgefüllt ist und in einen tiefer liegenden Kanal mündet, kann der Unterdruck den Sammelbehälter der Hebeanlage leersaugen.

Der Entwurf zur DIN 1986-100 plant hier verschärfte Vorgaben, um die Betriebssicherheit zu erhöhen:

  1. Höhenzuschlag: Die Sohle der Rückstauschleife soll zwingend mindestens 0,1 m (10 cm) über der Rückstauebene liegen.
  2. Nennweitenerweiterung: Um die Vollfüllung der Leitung nach dem Scheitelpunkt sicher zu unterbrechen, ist eine Erweiterung der Nennweite direkt nach der Schleife vorgesehen.
Schematische Darstellung einer Hebeanlage. Die Druckleitung führt nach oben in einer Schleife. Der unterste Punkt des Rohrbogens oben liegt sichtbar über der eingezeichneten Rückstauebene. Ein Maßpfeil markiert diesen Abstand mit „min. 0,1 m“. Nach dem Bogen wird das Rohr breiter dargestellt (Nennweitensprung).

3. Deep Dive: Berechnungsgrundlagen beim Regenwasser

Für die Detailplanung bringt der Entwurf tiefgreifende Änderungen, die besonders für größere Bauvorhaben relevant sind:

  • Neue Abflussbeiwerte (Tabelle 9): Die Tabelle wurde vollständig überarbeitet. Erstmals wird explizit zwischen dem Spitzenabflussbeiwert (Cs) und dem mittleren Abflussbeiwert (Cm) unterschieden. Das ermöglicht eine differenzierte Berechnung, je nachdem, ob Leitungsquerschnitte dimensioniert oder Rückhaltevolumina berechnet werden müssen.
  • Überflutungsnachweis: Die Anforderungen für Grundstücke ab 800 m² (abflusswirksame Fläche) wurden präzisiert. Hier greifen neue Formeln zur Ermittlung des Rückhaltevolumens (VRück), die Fließzeiten bis 15 Minuten berücksichtigen.
  • Hinweis: Der Überflutungsnachweis bei Versickerungsanlagen ist explizit nicht mehr Teil der DIN 1986-100, sondern wird auf das DWA-A 138 verwiesen.

4. Fallleitungen: Klarheit bei Versprung und Verziehung

Der Entwurf unterscheidet sauberer zwischen zwei geometrischen Situationen bei Fallleitungen:

  • Versprung: Ein Achsversatz von ≤ 1 Meter (bei Winkel ≤ 45°). Hier sind in der Regel keine besonderen lüftungstechnischen Maßnahmen erforderlich.
  • Verziehung: Alles, was darüber hinausgeht (Versatz > 1 m oder Winkel > 45°).

Für Verziehungen werden die Regeln im Entwurf konkretisiert: In bestimmten Bereichen der Verziehung dürfen keine Anschlussleitungen eingebunden werden, um Rückstau zu verhindern. Dies wird Einfluss auf die Schlitz- und Durchbruchsplanung sowie die Schachtbelegung haben.

5. Sanierung: Flache Bodenabläufe endlich geregelt

Eine echte Erleichterung für das Bauen im Bestand: Der Entwurf legalisiert den Einsatz von Bodenabläufen mit einer Sperrwasserhöhe < 50 mm unter bestimmten Voraussetzungen (gemäß DIN EN 1253-6).

Dies ist zulässig, wenn:

  • Der Einbau eines Norm-Ablaufs (50 mm) baulich nicht möglich ist (z. B. Sanierung/niedrige Aufbauhöhe).
  • Maximal 3 Geschosse oberhalb liegen.
  • Die Leitung entweder belüftet ist oder mindestens zwei weitere Entwässerungsgegenstände (z. B. Waschbecken, max. 1 WC) angeschlossen sind, die das Austrocknen verhindern.

6. Updates zu Notentwässerung und Balkonen

Auch im Bereich Regenwasser kündigen sich Anpassungen an:

  • Notüberläufe: Der Entwurf betont die Ableitung auf „schadlos überflutbare Grundstücksflächen“. Die Ableitung auf andere Dachflächen oder Terrassen soll nur noch in engen Ausnahmefällen zulässig sein.
  • Balkone: Das bisherige Anschlussverbot von Balkonen an Regenwasserfallleitungen der Dachentwässerung soll gelockert werden – unter definierten Sicherheitsbedingungen (z. B. Notüberlauf).

Fazit: Vorbereitet sein

Auch wenn die endgültige Fassung der DIN 1986-100 voraussichtlich erst Anfang 2026 erscheint, zeigt der Entwurf die Richtung klar an: Mehr Sicherheit bei Rückstau und Starkregen.

Wir behalten die Normungsarbeit genau im Blick, um Ihre Projekte schon heute zukunftssicher zu planen.

Azubi-Glossar
Abflussbeiwert: Ein Abflussbeiwert beschreibt vereinfacht: Wie viel Regenwasser von einer Fläche wirklich in die Leitung läuft und wie viel „liegen bleibt“ oder versickert. Das ist wichtig, damit Rohre und Abläufe nicht zu klein geplant werden und es bei Starkregen nicht direkt Ärger gibt.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Abflussbeiwerte helfen abzuschätzen, wie viel Regenwasser tatsächlich in die Entwässerung gelangt, damit Leitungen und Abläufe passend dimensioniert werden.
Balkonentwässerung: Das ist die Ableitung von Regenwasser, das auf einem Balkon anfällt. In der Praxis ist das wichtig, weil Balkone schnell überlaufen können, wenn der Ablauf verstopft ist oder zu wenig Wasser abführen kann.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Die Balkonentwässerung muss so ausgelegt sein, dass Regenwasser zuverlässig abgeführt wird und bei Verstopfung kein Wasser ins Gebäude oder an kritische Stellen gelangt.
Bodenablauf: Ein Bodenablauf ist ein Ablauf im Boden, z. B. in Duschen, Technikräumen oder Kellern, der Wasser sicher in die Entwässerung leitet. Wichtig ist das, weil sonst schon kleine Wassermengen zu Pfützen, Schäden oder Gerüchen führen können.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Beim Bodenablauf sind passender Einbauort, ausreichende Ablaufleistung und eine sichere Geruchssperre entscheidend, damit keine Feuchte- oder Geruchsprobleme entstehen.
Druckleitung: Eine Druckleitung ist die Leitung hinter einer Pumpe (z. B. bei einer Hebeanlage), in der das Abwasser „gedrückt“ wird. Das ist wichtig, weil sich Druckleitungen anders verhalten als normale Freispiegel-Leitungen und Fehler hier schnell zu Rückfluss oder Störungen führen können.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Druckleitungen gehören zu pumpenbetriebenen Systemen und müssen so geplant werden, dass der Betrieb sicher ist und Rückfluss bzw. Störungen zuverlässig vermieden werden.
Entspannungspunkt: Der Entspannungspunkt ist vereinfacht gesagt die Stelle im System, an der Wasser „ausatmen“ kann – also wo es im Überlastfall eher austreten würde (z. B. am Schacht). Das ist wichtig, weil man daran orientiert, bis wohin Wasser zurückstauen kann.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Der Entspannungspunkt zeigt, wo Wasser im Überlastfall zuerst austreten kann und dient als Orientierung dafür, wie hoch ein Rückstau realistisch ansteigen kann.
Fallleitung: Eine Fallleitung ist das senkrechte Rohr, das Abwasser aus oberen Geschossen nach unten führt. In der Praxis ist das wichtig, weil an Fallleitungen viele Anschlüsse hängen und Fehler schnell zu Gluckern, Gerüchen oder Rückstau führen können.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Fallleitungen müssen so geführt und dimensioniert werden, dass Abwasser sicher abfließt und Anschlüsse so angeordnet sind, dass Rückstau, Geräusche und Geruchsprobleme vermieden werden.
Hebeanlage: Eine Hebeanlage pumpt Abwasser nach oben, wenn es nicht von allein (im Gefälle) in den Kanal laufen kann, z. B. im Keller. Das ist wichtig, weil sonst Räume unterhalb der Rückstauebene bei Rückstau oder Starkregen schnell volllaufen können.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Eine Hebeanlage ist erforderlich, wenn Abwasser nicht im freien Gefälle abgeleitet werden kann, damit Bereiche unterhalb der Rückstauebene sicher entwässert bleiben.
Notentwässerung: Notentwässerung ist ein „Sicherheitsweg“ für Regenwasser, wenn die normale Entwässerung überlastet ist oder ausfällt. Das ist wichtig, weil es Schäden am Gebäude verhindern soll, indem Wasser kontrolliert und möglichst ohne Schaden ablaufen kann.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Notentwässerung dient als Reserve, damit Regenwasser bei Überlast oder Ausfall kontrolliert ablaufen kann und Gebäudeschäden durch unkontrollierten Wasseranstau vermieden werden.
Rückstauebene: Die Rückstauebene ist vereinfacht die „Höhe, bis zu der Abwasser bei Rückstau steigen kann“. Das ist wichtig, weil alle Entwässerungsstellen darunter besonders geschützt werden müssen (z. B. durch Hebeanlage oder Rückstau-Schutz), sonst droht Überflutung.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Unterhalb der Rückstauebene müssen Entwässerungsstellen besonders gesichert werden (z. B. Hebeanlage/Rückstauschutz), damit bei Rückstau kein Abwasser ins Gebäude eindringt.
Rückstauschleife: Die Rückstauschleife ist ein hochgeführter „Bogen“ in der Druckleitung einer Hebeanlage, der Rückfluss verhindern hilft. Das ist wichtig, weil so verhindert wird, dass Wasser aus dem Kanal zurück in die Anlage oder ins Gebäude gedrückt wird.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Die Rückstauschleife bildet einen sicheren Hochpunkt in der Druckleitung und hilft, Rückfluss aus dem Kanal in die Anlage bzw. ins Gebäude zu verhindern.
Saugheber-Effekt: Der Saugheber-Effekt ist ein unerwünschtes „Ansaugen“: Wenn eine Leitung ungünstig voll läuft, kann ein Unterdruck entstehen und Wasser aus dem Behälter mitziehen. Das ist wichtig, weil dadurch die Hebeanlage leergezogen werden oder Luft/Probleme ins System kommen können.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Der Saugheber-Effekt muss durch geeignete Leitungsführung vermieden werden, weil Unterdruck den Betrieb stören und Wasser bzw. Luft ungewollt „mitziehen“ kann.
Überflutungsnachweis: Das ist ein Nachweis, ob Grundstück und Entwässerung so geplant sind, dass Regenwasser bei starkem Regen nicht unkontrolliert Schäden anrichtet. In der Praxis ist das wichtig, weil man damit früh erkennt, ob Rückhalt, Ableitung oder sichere Überflutungsflächen nötig sind.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Der Überflutungsnachweis prüft, ob Grundstück und Entwässerung Starkregen beherrschen, damit rechtzeitig Rückhalt, Ableitung oder sichere Überflutungswege vorgesehen werden können.
Versprung: Ein Versprung ist ein kleiner seitlicher Versatz in einer Fallleitung – also ein „kleiner Knick“, um z. B. an Bauteilen vorbeizukommen. Wichtig ist das, weil die Strömung dabei beeinflusst wird und man sauber planen muss, damit Anschlüsse weiterhin sicher funktionieren.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Versprünge sind so auszubilden, dass die Strömung nicht ungünstig beeinflusst wird und Anschlüsse weiterhin sicher und störungsfrei funktionieren.
Verziehung: Eine Verziehung ist ein größerer oder „stärkerer“ Versatz der Fallleitung, der strömungstechnisch kritischer sein kann als ein kleiner Knick. Das ist wichtig, weil in solchen Bereichen Rückstau und Probleme mit Anschlüssen eher auftreten können und man die Anschlüsse dort besonders klug setzen muss.Merksatz fürs Berichtsheft:
  • Verziehungen sind strömungstechnisch kritischer als kleine Versprünge; Anschlussstellen müssen dort besonders sorgfältig geplant werden, um Rückstau und Störungen zu vermeiden.