DIN EN 12831 (TGA-Planung) vs. GEG / DIN V 18599 (Energieeffizienz) – und warum du sonst entweder frierst oder die Anlage sich zu Tode taktet.

Einleitung: Das Problem ist nicht Unwissen – sondern ein Kategorienfehler
In vielen Projekten läuft derselbe Film: Es gibt einen GEG-Nachweis oder eine energetische Bilanz nach DIN V 18599 – und daraus werden dann „mal eben“ Heizflächen, Rohrdimensionen oder sogar die Wärmepumpe abgeleitet. Schließlich stehen da doch U-Werte, Flächen und Kennwerte drin.
Das klingt logisch, ist aber in der Praxis oft ein klassischer Denkfehler: Bilanz ist nicht Last. Eine Bilanz beschreibt ein energetisches Niveau über ein Jahr. Eine Heizlast ist eine Auslegungsleistung für den Worst Case – die kälteste anzunehmende Nacht. Und genau da entscheidet sich, ob’s warm wird.
Kurz erklärt: Warum „Standardwerte“ aus dem GEG nicht für die Heizlast reichen
Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der energetischen Bilanzierung (DIN V 18599) für das Gebäudeenergiegesetz (GEG) und der Heizlastberechnung (DIN EN 12831) für die Anlagendimensionierung.
1) Analyse: Die Verwechslung von „Bilanz“ und „Last“
- GEG / DIN V 18599 (Energieeffizienz): Ermittlung des Jahres-(Primär-)Energiebedarfs.
Ziel: theoretische Vergleichbarkeit im Jahresverlauf (Bilanzierung). Pauschalwerte und Vereinfachungen können hier methodisch sinnvoll sein, weil sie das energetische Niveau beschreiben. - DIN EN 12831 (TGA-Planung): Ermittlung der Heizlast.
Ziel: Auslegung von Wärmeerzeuger, Rohrnetz und Heizflächen für den Worst Case (kälteste Nacht, ohne „Sonnen-Rettung“, ohne interne Gewinne als Komfortgarantie).
2) Lösungsvorschlag: Präzision statt Pauschalen
Werden Schichtaufbauten und U-Werte „geschätzt“ oder aus Tabellen/Standardwerten übernommen, entstehen typische Risiken:
- Unterdimensionierung: Die Wärmepumpe erreicht am kältesten Tag nicht die benötigte Leistung bzw. Vorlauftemperatur – das Gebäude bleibt kalt.
- Überdimensionierung: Der Wärmeerzeuger ist zu groß (und zu teuer), taktet häufig und verschleißt schneller – die Effizienz leidet.
- Hydraulischer Abgleich wird geraten: Ohne raumweise Heizlast nach DIN EN 12831 ist ein technisch belastbarer, normkonformer Abgleich praktisch nicht machbar, weil dir die Ziel-Wärmeströme je Raum fehlen.
3) Kritische Punkte: Der „Standardwerte“-Irrglaube
- U-Werte: Ein U-Wert aus Förder-/Zielvorgaben (z. B.
0,20 W/(m²K)) ist häufig eine Zielgröße. Die reale Heizlast braucht jedoch den Ist-Zustand des Bauteils – inklusive Wärmebrückenzuschlägen und tatsächlicher Ausführung. - Schnittstellen: Die TGA benötigt exakte Maße und Baustoffe, um Wassermengen/Volumenströme zu berechnen. „Standardwerte“ führen schnell zu falschen Rohrdimensionen – Ergebnis: Fließgeräusche, ungleichmäßige Wärmeverteilung, Nacharbeit.
4) Nächste Schritte (sauberer Workflow)
- Bauteilkatalog: Detaillierte Schichtaufbauten aller Außenbauteile (Wand, Dach, Fenster, Keller/Decke).
- Raumweise Heizlast: Durchführung nach DIN EN 12831 auf Basis finaler Grundrisse.
- Abgleich & Heizflächencheck: Prüfen, ob die gewählten Heizflächen (z. B. Fußbodenheizung oder Tieftemperatur-HK) die Last bei geplanter Vorlauftemperatur decken.
Direktvergleich: Energiebilanz vs. Heizlast
| Merkmal | Energiebilanz (GEG / DIN V 18599) | Heizlastberechnung (DIN EN 12831) |
|---|---|---|
| Primäres Ziel | Nachweis der Energieeffizienz. Erfüllung gesetzlicher Anforderungen (GEG) und BEG-Förderung. | Technische Auslegung. Dimensionierung von Heizgerät, Rohren und Heizflächen. |
| Betrachtungszeitraum | Das ganze Jahr. Durchschnittliche Gewinne (Sonne, Personen) werden gegengerechnet. | Der Extremfall. Die kälteste anzunehmende Nacht (ohne Sonne, ohne interne Gewinne). |
| Basis der Bauteile | Pauschalwerte/U-Wert-Tabellen für den Bestand sind für den Nachweis oft zulässig. | Reale Schichtaufbauten sind zwingend erforderlich (Physik statt Statistik). |
| Bezugsfläche | Gebäudenutzfläche (AN) – ein rechnerischer Wert basierend auf dem Volumen der wärmeumschließenden Hüllfläche (Ve). | Reale Raummaße. Jeder Quadratmeter Wand und Fenster zählt raumweise. |
| Konsequenz bei Fehlern | Der Energieausweis ist ungenau, die Förderung könnte gefährdet sein. | Anlage funktioniert nicht. Räume werden nicht warm oder WP taktet sich zu Tode. |
Begriffe, damit wir über dasselbe reden
Was die Bilanz nach DIN V 18599/GEG liefert
Die Bilanzierung betrachtet das Gebäude und seine Anlagen über ein Jahr. Ergebnis sind Energiekennwerte (z. B. kWh, kWh/(m²a), Primärenergie). Sie ist für Nachweise und Vergleichbarkeit gedacht – nicht dafür, ein Rohrnetz im Detail auszulegen.
Was die Heizlast nach DIN EN 12831 liefert
Die Heizlast liefert eine Auslegungsleistung in Watt (W): Wie viel Leistung muss die Anlage im Worst Case bereitstellen, damit Soll-Innentemperaturen erreicht werden. Sie ist die Grundlage für Heizflächen, Volumenströme, Hydraulik und Wärmeerzeuger-Dimensionierung.
AN und das „Volumen der wärmeumschließenden Hüllfläche“
Im GEG-Kontext wird häufig mit der Gebäudenutzfläche AN gearbeitet, die rechnerisch aus dem Volumen der wärmeumschließenden Hüllfläche (Ve) abgeleitet werden kann. Das ist für Bilanzierung und Vergleichbarkeit sinnvoll – ersetzt aber keine raumweise Geometrie für die Heizlast.
Warum die Heizlast andere (und schärfere) Daten braucht
1) Worst-Case statt Jahresmittel
Eine Bilanz kann mit mittleren Gewinnen/Verlusten arbeiten. Die Heizlast fragt: Was passiert, wenn’s draußen richtig kalt ist? Genau dann muss die Anlage funktionieren – ohne „im Mittel scheint ja auch mal Sonne“.
2) Raumweise Geometrie schlägt Pauschale
Heizlast ist gnadenlos geometrisch: Fensterfläche ist Fensterfläche, Außenwand ist Außenwand – und das raumweise. Wenn du hier mit Standardwerten oder groben Annahmen arbeitest, verschiebst du schnell ganze Kilowatt.
3) Lüftung/Infiltration ist oft der heimliche Heizlast-Treiber
Gerade bei Beständen oder bei mechanischer Lüftung kann der Lüftungswärmeverlust einen großen Anteil ausmachen. Wer nur auf U-Werte schaut, sieht häufig den halben Elefanten nicht.
Drei Praxisbeispiele (nachvollziehbar, mit Einheiten)
Beispiel 1: Raumheizlast „quick & sauber“ (Transmission + Lüftung)
Raum: Schlafzimmer, 16 m², Höhe 2,5 m → Volumen 40 m³
Innen-Soll: 20 °C
Außen (Beispiel): −12 °C → ΔT = 32 K
Bauteile (Außen):
- Außenwand: A = 10 m², U = 0,30 W/(m²K)
- Fenster: A = 2 m², U = 1,30 W/(m²K)
1) Transmission (vereinfacht):
Q̇_tr = Σ(U · A) · ΔT
Wand: 0,30 · 10 · 32 = 96 W
Fenster: 1,30 · 2 · 32 = 83,2 W
→ Q̇_tr ≈ 179 W
2) Lüftung (vereinfachte Lehrformel):
Q̇_ve = 0,34 · n · V · ΔT
mit n = 0,5 1/h, V = 40 m³
0,34 · 0,5 · 40 · 32 = 217,6 W
→ Q̇_ve ≈ 218 W
3) Raumheizlast (ohne Zuschläge):
Q̇_raum ≈ 179 W + 218 W = 397 W
Warum das wichtig ist: Hier ist der Lüftungsanteil größer als die Transmission. Wer „Standardwerte“ nur als U-Wert-Thema behandelt, liegt schnell daneben.
Beispiel 2: Fehlerfall „GEG-Standardwert“ → WP zu klein/zu groß
Szenario: Sanierter Altbau, Wärmepumpe geplant. Auf dem Papier steht ein „schöner“ U-Wert (Ziel/Annahme) – real ist der Ist-Zustand wegen Restflächen, Wärmebrücken und Details schlechter.
Vereinfachte Impact-Rechnung:
Außenwandfläche gesamt 200 m², ΔT 32 K
- Annahme: U = 0,20 → 0,20 · 200 · 32 = 1,28 kW
- Real: U = 0,40 → 0,40 · 200 · 32 = 2,56 kW
→ Abweichung: +1,28 kW nur über eine Bauteilgruppe. Dazu kommen Lüftung/Infiltration und weitere Bauteile. Ergebnis: Dimensionierung kippt – entweder Komfortproblem oder Takt-Orgie.
Beispiel 3: Daten-Workflow (wer liefert was?)
Minimal-Daten, die du für eine belastbare Heizlast brauchst:
- Architektur: Raumgeometrie, Flächen, Höhen, Fenstermaße, Zonierung.
- Bauteile (Ist): Schichtaufbauten oder belastbare U-Werte; Wärmebrückenansatz.
- Standortdaten: Auslegungs-Randbedingungen (normkonform/vereinbart).
- Nutzung: Soll-Innentemperaturen je Raum.
- Lüftung: Luftwechsel/Infiltration bzw. RLT-Daten.
Erst dann folgen Heizflächencheck, Volumenströme, Rohrnetz, Pumpen und Wärmeerzeuger-Auslegung.
Typische Fehler – und wie man sie vermeidet
- Bilanz-U-Werte als Ist-U-Werte verwenden → Bauteilkatalog, Sanierungsstand, Details prüfen.
- AN/Ve als Heizlast-Ersatz missverstehen → Heizlast ist raumweise, geometriebasiert.
- Lüftung unterschätzen → Luftwechselannahmen begründen, Lüftungskonzept abstimmen.
- Wärmebrücken ignorieren → Zuschläge/Ansätze dokumentieren; kritische Details prüfen.
- Nur Gebäude-Summe rechnen, ohne Raumwerte → Raumheizlast ist Basis für Heizflächen & Hydraulik.
- Normstände/Annahmen nicht dokumentieren → Bericht sauber mit Datenstand/Parameterannahmen.
Praxis-Checkliste
Heizlast-Ready in 12 Punkten
- Projektstand klären (Entwurf/Genehmigung/Ausführung)
- Standort + Auslegungs-Randbedingungen festlegen (Quelle dokumentieren)
- Soll-Innentemperaturen je Raum definieren
- Raumliste + Geometrie finalisieren (Flächen, Höhen, Volumina)
- Fensterflächen je Raum inkl. Orientierung erfassen
- Bauteile je Raum: Wand/Decke/Boden – Ist-Aufbau oder belastbarer U-Wert
- Wärmebrückenansatz definieren
- Lüftung: Luftwechsel/Infiltration oder RLT-Daten sauber ansetzen
- Heizlast raumweise rechnen, Summen plausibilisieren
- Heizflächencheck: Deckung bei geplanter Vorlauftemperatur
- Volumenströme je Raum ableiten (Hydraulik-Basis)
- Dokumentation: Normstände + Annahmen + Datenquellen + Versionen
FAQ
1) Kann ich aus dem Energieausweis die Heizlast ablesen?
Nein. Energieausweis/Bilanz liefert Energiekennwerte (kWh). Heizlast ist eine Auslegungsleistung (W) im Worst Case. Unterschiedliche Zielgrößen, unterschiedliche Modelle.
2) Warum ist der Worst Case bei der Heizlast so wichtig?
Weil Wärmeerzeuger, Heizflächen und Rohrnetz genau dann funktionieren müssen, wenn die Verluste am größten sind – sonst wird’s kalt oder die Anlage arbeitet außerhalb ihres optimalen Bereichs.
3) Was bedeutet Ve genau?
Ve ist das Volumen der wärmeumschließenden Hüllfläche (konditioniertes Volumen). Es wird im GEG-Kontext zur Ableitung von Bezugsgrößen verwendet (z. B. AN).
4) Wenn AN aus Ve kommt – warum nicht auch die Heizlast?
Weil Heizlast raumweise und bauteilgenau arbeitet. AN/Ve sind für Vergleichbarkeit gut, aber zu grob für die Auslegung von Heizflächen/Volumenströmen.
5) Sind Vereinfachungen in der Heizlast komplett verboten?
Nicht grundsätzlich – aber sie müssen fachlich begründet und methodisch passend sein. Entscheidend ist, dass du am Ende eine belastbare Auslegungsleistung je Raum bekommst.
6) Was passiert bei zu hoch gerechneter Heizlast?
Überdimensionierung: höhere Investition, häufigeres Takten, schlechtere Effizienz, mehr Regelaufwand.
7) Was passiert bei zu niedrig gerechneter Heizlast?
Unterdimensionierung: Komfortprobleme, höhere Vorlauftemperaturen, schlechtere Effizienz (besonders bei Wärmepumpen), ggf. mehr Zusatzheizer-Einsatz.
8) Was ist die wichtigste Schnittstelle zwischen Architektur und TGA?
Finale, belastbare Raumgeometrie + Bauteildefinition. Ohne diese Daten ist Heizlast keine Planung, sondern ein Ratespiel mit Einheiten.
Fazit: Klare Handlungsempfehlung
- GEG/DIN V 18599 nutzen, um Energieeffizienz und Nachweise sauber abzubilden (Bilanz).
- DIN EN 12831 nutzen, um Wärmeerzeuger, Heizflächen und Hydraulik auslegungssicher zu dimensionieren (Last).
- Standardwerte sind nicht „böse“ – aber oft am falschen Platz im Prozess. Für die Anlage brauchst du Ist-Daten, raumweise Geometrie, Lüftung und dokumentierte Annahmen.
Merksatz: Bilanz sagt dir, wie effizient das Gebäude ist. Heizlast sagt dir, ob’s warm wird.



